Interview mit Julia Becker, Aufsichtsratsvorsitzende und Verlegerin der FUNKE Mediengruppe

1. Sie vertreten den Standpunkt, dass Weiterbildungen in Medienhäusern einen hohen Stellenwert haben sollten – unabhängig vom Verlagsbereich und von der Führungsebene. Warum sind neue Impulse und kontinuierliches Lernen aus Ihrer Sicht auch für die Managementebene unverzichtbar?

Julia Becker: „Kontinuierliches Lernen ist für die Managementebene unverzichtbar, weil sich unser Umfeld in rasantem Tempo verändert und strategische Entscheidungen auf einer aktuellen und fundierten Wissensbasis beruhen müssen. Nutzerverhalten, Werbemärkte, regulatorische Rahmenbedingungen und Technologien wie KI verschieben sich nicht mehr in Zyklen von Jahren, sondern von Quartalen, manchmal von Wochen.

Wer führt, trägt Verantwortung dafür, Chancen und Risiken rechtzeitig zu erkennen, Annahmen zu hinterfragen und Teams sicher auch durch Unsicherheit zu steuern. Neue Impulse schärfen zudem das Urteilsvermögen, reduzieren Betriebsblindheit und eröffnen Spielräume für Innovation. Zudem prägt das Verhalten von Führungskräften die Kultur: Wenn Management sichtbar lernt, Fragen stellt und eigene blinde Flecken adressiert, senkt das die Schwelle für alle anderen, es genauso zu tun.“

2. Sie haben selbst an einem WebSeminar der MVFP Akademie teilgenommen. Was hat Sie persönlich dazu bewogen? Und welchen konkreten Mehrwert haben Sie aus dem Format für Ihre eigene Arbeit mitgenommen?

Becker: „Ich glaube fest daran, dass Weiterbildung ein integraler Bestandteil beruflichen und persönlichen Wachstums ist. Für mich war die Teilnahme an einem WebSeminar der MVFP Akademie eine ganz bewusste Entscheidung – einerseits, weil das Format es ermöglicht, auf unkomplizierte Weise neue Perspektiven zu gewinnen, andererseits, weil es für mich wichtig ist, auch selbst Teil der Weiterbildungsbewegung im Haus zu sein.

Ein besonderer Mehrwert war für mich die Verbindung von theoretischen Ansätzen und praktischen Tipps. Gerade in Führungspositionen ist es entscheidend, immer wieder über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und Impulse aus anderen Bereichen zu übernehmen – sei es durch innovative Führungsansätze oder die neuesten digitalen wie analogen Strategien.“

3. Warum sind aus Ihrer Sicht externe Weiterbildungsangebote wichtig – auch dann, wenn Medienhäuser über viel internes Know-how verfügen?

Becker: „Auch wenn wir bei FUNKE eine außergewöhnlich starke Wissensbasis haben, ist die externe Perspektive unerlässlich. Externe Weiterbildungsangebote bringen frischen Wind und ermöglichen uns, unseren Horizont zu erweitern, indem wir von der Expertise anderer Branchen und Institutionen lernen. Im Dialog mit externen Expert*innen oder Kolleg*innen anderer Medienhäuser entstehen oft genau die kreativen Impulse, die intern im vollgepackten Alltagsgeschäft vielleicht schwerer greifbar sind.

Außerdem geht es auch um die Vernetzung. Weiterbildung verbindet und bietet Raum, mit anderen Menschen aus der Branche über Herausforderungen, Lösungen und Visionen ins Gespräch zu kommen. Gerade in der Medienbranche, die schneller als die meisten anderen Industrien von technischem und wirtschaftlichem Wandel geprägt ist, ist dieser Austausch ein unschätzbarer Faktor.“

4. Welchen Stellenwert haben Weiterbildungen für die Unternehmenskultur – gerade in tiefgreifenden Transformationen?

Becker: „Weiterbildungen sind ein zentraler Hebel für eine resiliente, moderne und diverse Unternehmenskultur. In Zeiten tiefgreifender Veränderungen schaffen sie psychologische Sicherheit, weil sie Ungewissheit nicht verdrängen, sondern strukturiert adressieren: Wir machen transparent, was wir wissen, was wir lernen müssen und wie wir dorthin gelangen. Das fördert Offenheit und konstruktives Feedback.

Eine sichtbare Lernkultur verbindet zudem Leistungsanspruch mit unseren publizistischen Werten: Qualität, Verantwortung und Relevanz entstehen durch kontinuierliche Professionalisierung. Sie stärkt Identifikation und Bindung, weil Mitarbeitende sehen, dass ihre Entwicklung ernst genommen wird und echte Karrierepfade existieren. Und sie erhöht die Umsetzungskraft, denn Teams mit aktuellem Wissen setzen Strategien schneller und mit höherer Qualität um. Lernen ist damit kein Zusatzprogramm, sondern Teil der Arbeitsweise, Teil der FUNKE-DNA – und ein klares Signal auch nach außen.“

5. Welche Rolle spielen Weiterbildungen bei der FUNKE Mediengruppe? Wie ist das Angebot strukturiert?

Becker: „In einem großen Medienhaus sollte Weiterbildung strategisch verankert und systematisch aufgebaut sein. Dazu gehört eine detaillierte Planung, die aus der Unternehmensstrategie abgeleitet wird, aber eben auch eine große Flexibilität, die auf neue Needs reagiert und entsprechende Angebote auch kurzfristig mit aufnimmt. Wichtig ist es uns, alle Units zu berücksichtigen, von der journalistischen Arbeit über Technologie hin zur Vermarktung. Zudem ist es bei FUNKE entscheidend, nicht nur die Skills für die tägliche Arbeit an unseren Produkten und in unseren Dienstleistungen zu erweitern, sondern eben auch Schulungen und Austauschplattformen zu bieten, die die Kultur stärken und verändern. Wir bieten z. B. die Ausbildung zu Pflege-Guides an, um Beruf und Pflege vereinbarer zu machen. Wir fördern in Lunch & Learn-Formaten die Diversität. Viele unserer Angebote zielen auch darauf ab, die psychische und physische Gesundheit unserer Mitarbeitenden zu stärken.

Unsere Weiterbildungen sind dabei ein Mix aus Remote-Angeboten, rein digitalen Schulungen und auch ganz viel Miteinander vor Ort, Face-to-Face. Wir wollen sicherstellen, dass an allen Standorten Möglichkeiten bestehen, dass Teilzeit-Kräfte nicht ausgeschlossen werden und Ähnliches. Uns ist es wichtig, hierbei auch die verschiedensten Menschen an einen Tisch zu bringen. Denn je diverser eine Gruppe, desto besser oft das Ergebnis. Außerdem gibt es Formate mit internen Expert*innen und Angebote mit externen Partner*innen: Dort, wo das Know-how sitzt, greifen wir zu.“

6. Was tut die Managementebene dafür, damit Teams auf dem neuesten Stand bleiben? Welche Rolle spielen Vorbildfunktion und eigene Lernbereitschaft?

Becker: „Management hat die Aufgabe, Ressourcen zu schützen, Richtung zu geben und Barrieren abzubauen. Genauso wichtig ist die Vorbildfunktion: Führungskräfte nehmen selbst an Trainings teil, teilen ihre Erkenntnisse und sprechen offen über Irrtümer und Korrekturen. Diese Transparenz senkt Hemmschwellen und schafft Vertrauen. Wir fördern zudem besonders gern Formate, die aus den Teams zusammen mit den Führungskräften selbst entwickelt werden. So hat die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) z. B. jüngst einen Recherche-Workshop auf die Beine gestellt. Auch unsere KI-Unit bietet z. B. viele Schulungen an, die sie eigens entwickelt hat.“

7. Welche Weiterbildungsformate sind besonders wirksam? Wo glänzen digitale Angebote, wo bleibt Präsenz unverzichtbar?

Becker: „Am besten funktionieren Lernformate, die nah am Alltag sind und sich auch wirklich anwenden und umsetzen lassen. Ich mag einen Mix: online zum Reinkommen und Präsenz zum Vertiefen. Digital ist großartig, weil es flexibel ist – man kann sich Grundlagen, Tools oder kurze Lernhäppchen genau dann holen, wenn es passt. Das senkt die Hürde und macht Lernen selbstverständlich.

Trotzdem gibt es Dinge, die live einfach besser gelingen: miteinander ins Gespräch kommen, Vertrauen aufbauen, Ideen spinnen und gemeinsam Lösungen entwickeln. In Präsenz entsteht dieses „Wir“-Gefühl, das Teams wirklich voranbringt. Ideal ist deshalb ein gut abgestimmtes Hybrid: Erst digital orientieren, dann im Workshop ausprobieren, diskutieren und konkrete Schritte festlegen. So bleibt Lernen leicht, alltagstauglich und spürbar wirksam.“